Geburtsbegleitung während der Corona-Pandemie

Hintergrund: Im Rahmen der Längsschnittstudie Mindset, Partnerschaft und Geburt haben wir in der Abteilung Sozial- und Rechtspsychologie der Uni Bonn erforscht, in wieweit psychologische Faktoren die Geburt beeinflussen und welche Auswirkungen die Geburt auf nachfolgende psychologische Faktoren hat. Insgesamt nahmen 311 Frauen und 304 Männer an der Studie teil. Die Studiendauer reichte vom ersten Drittel der Schwangerschaft bis sechs Monate nach der Geburt.

Als Maßnahme zum Infektionsschutz während der Corona-Pandemie wurden in Krankenhäusern die Besucherrechte stark eingeschränkt. Dies betrifft in einigen Kliniken auch die Kreißsäle und Wöchnerinnenstationen. Männer oder eine andere Begleitperson können also in einigen Krankenhäusern nicht mehr bei der Geburt dabei sein oder nur in der Endphase und nicht bei Kaiserschnittgeburten – die Regeln sind nicht einheitlich und einige Krankenhäuser haben die Maßnahmen geändert, nachdem es viele Proteste gab. Diese Regelungen implizieren, dass Väter für eine Geburt nicht notwendig sind. Das mag im Kern zutreffend sein. Aus psychologischer Perspektive ist diese Annahme jedoch anzuzweifeln. Zumal die derzeitige Situation eine zusätzliche Herausforderung im Übergang zur Elternschaft darstellt.

Zweifelsohne ist es wichtig, neue Infektionen mit dem Coronavirus zu vermeiden. Insbesondere in Krankenhäusern, um Patenten*innen und Personal zu schützen. Ob der Ausschluss von Männern dafür eine geeignete Maßnahme darstellt, ist nicht eindeutig geklärt. In einem Zeitinterview vom 20.03.2020 erklärt der Virologe Christian Drosten, dass es unwahrscheinlich ist, dass in einer Familie nur eine Person erkrankt (Zeit, 2020). Unter dieser Prämisse müssten Frau und Mann beide infiziert und damit ansteckend sein. Darüber hinaus weist die WHO darauf hin, dass auch während der Corona-Pandemie Frauen das Recht auf Begleitung unter Geburt haben (WHO, 2020). 

In unserer Studie waren weniger als 3 % der Männer nicht bei der Geburt anwesend. Nur in einem Fall bevorzugte die gebärende Frau eine andere Begleitperson. In allen anderen Fällen konnte der Partner aus organisatorischen Gründen nicht dabei sein (z.B. weil keine Betreuung für das ältere Kind gefunden wurde). Die Ergebnisse belegen außerdem, wie relevant das Geburtserlebnis für das kurz- und längerfristige psychische Wohlbefinden der gesamten Familie ist. Sowohl die Daten der Frauen als auch der Männer zeigten, dass negative Geburtserlebnisse die Wahrscheinlichkeit für ein geringeres emotionales Wohlbefinden in den ersten Wochen nach der Geburt erhöhten und bei Frauen vermehrt zu Stillprobleme und einer schlechteren Wundheilung führten. Auch die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer postpartalen Depression wuchs und sechs Monate nach Geburt war auch die Eltern-Kind-Bindung weniger sicher als bei Eltern mit positiver Geburtserfahrung (Hoffmann et al., 2020). 

Die Geburtserfahrung ist wichtig. Die Paarbeziehung auch. Frauen, die die Beziehungsqualität zum Partner hoch einschätzen, hatten tendenziell ein leicht positiveres Geburtserlebnis. Auch vorherige Studien konnten zeigen, dass die Paarbeziehung ein Schutzfaktor für belastende Lebensumstände darstellt (Banse & Kowalick, 2007). Studien legen auch nahe, dass vor stressbehafteten Situationen Körperkontakt zum Partner positive physiologische Auswirkungen (geringe Kortisolausschüttung und Herzrate) für Frauen haben kann, unabhängig von der Qualität der Paarbeziehung (Ditzen et al., 2007).

Aus psychologischer Perspektive sollten Frauen nicht ohne feste Bezugsperson gebären müssen und während der gesamten Zeit begleitet werden dürfen. Denn wenn der Mann erst in der Endphase der Geburt dazu kommen kann, ist es zweifelsohne erfreulich für den Mann, dass er die Geburt zumindest teilweise miterleben kann. Die Frau benötigt die Unterstützung jedoch bereits vorher. Vor allem weil davon ausgegangen werden muss, dass sie gerade in der Anfangsphase nicht durchgehend durch das Klinikpersonal betreut wird. Die Frau benötigt die Unterstützung einer Begleitperson auch beim Kaiserschnitt.

Vielleicht wäre es sinnvoll, sich Gedanken über weitere Möglichkeiten zur Verringerung der Infektionswahrscheinlichkeit im Kreißsaal und Krankenhaus zu machen. Dazu gehört sicherlich, eine angemessene Schutzbekleidung für Hebammen sowie ambulante Geburten. Vielleicht können wir werdende Eltern auch verstärkt darum bitten, #stayhome gewissenhaft durchzuführen (das heißt z.B. auch Einkäufe von anderen erledigen zu lassen). Welche Maßnahmen aus virologischer Sicht sinnvoll sind, kann ich als Psychologin nicht vollständig beurteilen. Den Frauen in der stressbehafteten Situation Geburt ihre Bezugsperson zu nehmen, sollte aus psychologischer Perspektive jedoch vermieden werden, da die Wahrscheinlichkeit für kurz- und längerfristige negative Auswirkungen hoch ist. 

Referenzen

Banse, R. & Kowalick, C. (2007). Implicit attitudes towards romantic partners predict well being in stressful life conditions: Evidence from the antenatal maternity ward. International Journal of Psychology, 42, 149-157.

Ditzen, B., Neumann, I. D., Bodenmann, G., von Dawans, B., Turner, R. A., Ehlert, U., & Henrichs, M. (2007). Effects of different kinds of couple interaction on cortisol and heart rate responses to stress in women. Psychoneuroendocrinology, 32, 565-574.

Hoffmann, L., Hilger, N., & Banse, R. (2020). The psychology of childbirth: mindset predicts birth outcomes, and the birth experience short- and longterm psychological well-being. Manuscript in preparation.

WHO

ZEIT

2 Replies to “Geburtsbegleitung während der Corona-Pandemie”

  1. Ich bin der festen Überzeugung das Väter bei der Geburt anwesend sein müssen für das Wohlbefinden der Mutter. Das zu verbieten ist eine Grausamkeit an der Gebehrenden .

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